Springe direkt zu Inhalt

Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland

Interview mit dem Projektleiter Prof. Nicolas Apostolopoulos in der "Griechenland Zeitung"

Apostolopoulos-Griechenland-Zeitung

Apostolopoulos-Griechenland-Zeitung

Interview mit dem Projektleiter Prof. Nicolas Apostolopoulos in der "Griechenland Zeitung". 

News vom 09.12.2019

Vor 75 Jahren begann von Athen aus der Rückzug der deutschen Truppen aus Griechenland. Seit einigen
Jahren dokumentiert ein Online-Archiv mit der Methode der Oral History persönliche Geschichten aus der
Zeit des Zweiten Weltkriegs: Das Projekt „Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland“ lässt griechische Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Wort kommen. Die Griechenland Zeitung sprach mit dem Leiter des Projekts, Prof. Dr. Nikolaos Apostolopoulos.

GZ: Wann und wie kam es zur Idee für die Schaffung eines Online-Archives mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der deutschen Besatzung Griechenlands?

APOSTOLOPOULOS: Die Idee entstand hauptsächlich im Rahmen eines Besuches meines Kollegen Hagen Fleischer in
Berlin zusammen mit promovierenden Studenten, die das Visual History Archive sehen wollten, das wir an der Freien Universität Berlin bereitstellen. So kamen wir auf die Idee, dass es für beide Länder eine gute Initiative wäre, ein Zeugenarchiv über die Besatzungszeit in Griechenland zu erstellen. Das passierte im Jahr 2010.

GZ: Wann haben die Vorbereitungen bzw. die Arbeiten für das Projekt begonnen?

APOSTOLOPOULOS: Unmittelbar danach. 2011 habe ich eine Projektstudie erarbeitet, wie man ein solches Archiv
aufbauen könnte und es dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) vorgelegt – mit dem Ziel, die entsprechende finanzielle Unterstützung zu bekommen. Nach einer positiven Rückmeldung, dass dies ein geeignetes Forschungsprojekt sei, wurde uns jedoch mitgeteilt, dass das BMBF nicht die Möglichkeit habe, ein derart umfangreiches Programm mit einer solch großen Zahl an Zeugenaussagen zu finanzieren. Hätten wir ein Forschungsprojekt mit fünf bis zehn Zeugenaussagen vorgeschlagen, um zu zeigen, dass ein solches Vorhaben aus wissenschaftlicher Sicht nützlich ist, hätten wir die Unterstützung bekommen. Wir wollten aber kein kleines Archiv von fünf bis zehn Zeugen, sondern wir wollten hundert Personen interviewen.

GZ: Wie haben Sie schließlich Förderung bekommen?

APOSTOLOPOULOS: Wir haben uns danach an das Auswärtige Amt gewandt. Mir war bewusst, dass das deutsche Außenministerium, solange die deutsch-griechischen Beziehungen bezüglich der Ereignisse des Zweiten Weltkrieges noch spannungsgeladen sind, Interesse daran haben könnte. Voraussetzung war natürlich, dass das Programm aus wissenschaftlicher Sicht als geeignet befunden und die Übernahme der Kosten für dieses Projekt mit etwa 100 Zeugenaussagen rechtfertigen würde.

GZ: Wie viele Zeugen wurden schließlich insgesamt befragt?

APOSTOLOPOULOS: Beabsichtigt waren hundert, es wurden Mittel für etwa siebzig bewilligt, geschafft haben wir dreiundneunzig.

GZ: Hatte das einen bestimmten Grund?

APOSTOLOPOULOS: Es gab zwei entscheidende Gründe. Der erste ist, dass das Auswärtige Amt einen Zuschuss
für etwa 70 genehmigte. Nachdem wir rund 75 Zeugenaussagen gesammelt hatten, gelang es uns, aus Eigeninitiative und mit sparsamem Haushalten insgesamt auf 93 zu kommen. Aber auch diese Zahl an Interviews hätten wir ohne die finanzielle Unterstützung der griechischen Stavros Niarchos Stiftung nicht geschafft. Der zweite Grund ist, dass eine nicht geringe Anzahl an Zeugen, die wir interviewen wollten, bis zur tatsächlichen Realisierung des Projekts gestorben ist – also in der Zeit zwischen 2011 und 2018.

GZ: Wie ist die Realisierung dann schließlich endgültig in die Gänge gekommen?

APOSTOLOPOULOS: Als der damalige Bundespräsident Joachim Gauck im März 2014 eine Griechenlandreise unternommen hatte, ist er, glaube ich, nach seiner Rückkehr zur Überzeugung gekommen, dass zumindest aus moralischer Verpflichtung endlich etwas für Griechenland passieren müsse: So entstand dann der Deutsch-Griechische
Zukunftsfonds. Und mit Hilfe dieses Fonds haben wir dann Ende 2015, Anfang 2016 die endgültige Genehmigung für unser Projekt erhalten. Weil aber die Finanzierung durch das Auswärtige Amt nicht gereicht hat, hat sich auch die Stavros Niarchos Stiftung bereit erklärt, das Projekt finanziell zu fördern. An offizielle Stellen Griechenlands habe ich mich nicht gewandt.

GZ: Sie haben eine Problematik des Projektes schon angesprochen: die Schwierigkeit, so viele Jahre nach diesen schrecklichen Ereignissen noch Zeugen zu finden …

APOSTOLOPOULOS: Ganz genau. Es war sogar mehr als nur schwierig, und nur dank griechischer Historiker, die
sich mit diesem Thema bereits vorher beschäftigt hatten und die Verbindung zu den konkreten Personen herstellen konnten, ist es uns gelungen, Zeitzeugen kurzfristig ausfindig zu machen. Außerdem war es für uns wichtig, Menschen aus verschiedenen Teilen Griechenlands zu befragen, um eine gewisse Repräsentativität zu gewährleisten. Das war in der Tat nicht leicht, da viele sich nicht mehr an Details erinnern konnten, oder schon gestorben waren.

GZ: Am 11. und 12. Oktober haben Sie in Athen eine Tagung zum Thema „Okkupation Griechenlands im Zweiten Weltkrieg“ organisiert. 75 Jahre zuvor waren die deutschen Besatzungstruppen aus Griechenland abgezogen. War das der Grund für den Zeitpunkt dieser Tagung?

APOSTOLOPOULOS: Im Rahmen der Vorbereitungen gab es auch andere terminliche Optionen. Dass es in Folge
unterschiedlicher Faktoren exakt mit dem Jubiläum der 75 Jahre seit dem Abzug der deutschen Truppen aus Athen
zusammenfiel, war eher eine glückliche Koinzidenz.

GZ: Was ist Ihre Bilanz bezüglich des Projekts nach der Tagung in Athen?

APOSTOLOPOULOS: Wir sind mit der bisherigen Entwicklung sehr zufrieden: Wir haben unser Projekt Anfang Oktober
erfolgreich im griechischen Bildungsministerium präsentiert. Hinsichtlich der darauffolgenden themenspezifischen Tagung an der Athener Universität unter dem Titel „Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland“ und unter Teilnahme zahlreicher Experten kann man eine durchaus positive Bilanz ziehen. Das wissenschaftliche Umfeld in Griechenland, das teilweise zurückhaltend auf derartige Initiativen reagiert, bewertete unser Projekt sehr wohlwollend. Und vor allem die Pädagogen waren und sind sehr angetan. Ihr Echo auf die Präsentation ist sehr positiv, und sie wollen das Archiv als Werkzeug im Geschichtsunterricht nutzen.

GZ: Wie sehen Sie die Zukunft des Projektes? Was sind die nächsten Schritte?

APOSTOLOPOULOS: Unser nächster Schritt, der zweite Teil des Projektes, ist es, themenbezogenes Lehrmaterial zu
schaffen – sowohl für griechische Lyzeen (griechische Oberstufe; Anm. d. Red.), aber auch für deutsche Schulen, sodass auch Schüler in Deutschland mehr über die Besatzungszeit in Griechenland lernen können. Die Arbeiten haben bereits begonnen und sollen 2020 abgeschlossen werden. Außerdem wollen wir die Voraussetzungen für die Nutzung des Archivs bei außerschulischen Aktivitäten schaffen, welche beispielsweise Jugendtreffen beider Länder oder auch Besuche in Museen oder Gedenkstätten beinhalten.

3 / 26