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Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland

11.-12.10.2019: Wissenschaftliche Konferenz zum Thema Erinnerung, Zeitzeugnis und digitale Ansätze in der Geschichtswissenschaft

Das Projekt „Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland“ der Freien Universität Berlin veranstaltete am 11. und 12. Oktober gemeinsam mit der „Werkstatt für historische Forschung und Dokumentation“ am Institut für Geschichte und Archäologie der Nationalen und der Kapodistrias-Universität Athen die Konferenz zum Thema Erinnerung, Zeitzeugnis und digitale Ansätze in der Geschichts-wissenschaft: Das Archiv "Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland".

Im Fokus der Konferenz stand die Präsentation des audiovisuellen Online-Archivs "Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland" sowie die Hintergründe zu dessen Entstehung, Nutzung und seiner Funktionalitäten. Die wissenschaftlichen MitarbeiterInnen des Projekts erläuterten methodologische Aspekte und Forschungs-perspektiven anhand von Fallbeispielen. Auf der zweitägigen Konferenz sollten außerdem die Nutzungsmöglichkeiten digitaler Medien in den Geisteswissenschaften sowie das Verhältnis von Oral History zu digitalen Technologien untersucht werden.

Die Veranstaltung deckte ein breites Themenspektrum ab, welches von historiografischen Retrospektiven bis hin zu Dissertations- und Habilitationsprojekten und deren Verknüpfung mit dem Zeitzeugenarchiv reichte. Das auffallend hohe wissenschaftliche Niveau aller Beiträge, der große Zuspruch von DozentInnen und Studierenden der Athener Universität sowie die rege Teilnahme des an neuerer Geschichte interessierten Publikums ließen erkennen, dass die Konferenz ihr Ziel vollauf erreicht hatte. Die Fülle an Themen und neu eröffneten Perspektiven löste lebhafte Debatten zwischen Podiumsgästen und Publikum aus, was die Erwartungen der Veranstalter deutlich übertraf.

Der erste Tag (11. Oktober) widmete sich vorrangig neuen oder überarbeiteten Geschichtsnarrativen sowie interdisziplinären Ansätzen. In seiner Einführungsrede verwies Prof. (emeritus) Hagen Fleischer auf die aus der Besatzungszeit und der Krise herrührenden Stereotypen in Griechenland und Deutschland sowie auf die komplexen Erinnerungsdebatten zu weiterhin hochumstrittenen Themen, wie etwa den alliierten Bombenangriffen auf Deutschland in den Jahren 1943 bis 1945. Projektleiter Prof. Nicolas Apostolopoulos analysierte die Gründe für das in Deutschland fehlende Bewusstsein, wenn vom griechischen Besatzungstrauma die Rede ist und erwähnte andererseits die oftmals betriebene Instrumentalisierung der Erinnerung in Griechenland. Die Aufarbeitung der gemeinsamen Kriegsvergangenheit ist in beiden Ländern nicht ausreichend betrieben worden. So wird in Griechenland an Schulen und Universitäten bis heute die Zeit des Zweiten Weltkriegs in den Curricula zu wenig berücksichtigt.

In seiner Rede verwies Prof. Apostolopoulos zudem auf die turbulenten letzten zehn Jahre in den bilateralen Beziehungen beider Länder, in die das bittere Kriegserbe hineinwirkte. Bundespräsident Joachim Gauck war 2014 der erste deutsche Politiker im höchsten Staatsamt, der das Märtyrerdorf Lyngiades besuchte. Dort hatten 1943 deutsche Gebirgsjäger 82 Zivilisten massakriert. Der griechische Staatspräsident Karolos Papoulias, der Gauck bei seinem Besuch begleitete, betonte dabei die Dringlichkeit der griechischen Entschädigungsansprüche für die von den Deutschen verübten Gräueltaten während des Krieges. Zuvor hatten zwar bereits andere Bundespräsidenten verschiedene griechische Gedenkorte besucht, an denen die Wehrmacht Verbrechen verübt hatte. Doch keiner von ihnen hatte so klare Worte gefunden wie Joachim Gauck am Vorabend seines Besuches: „Die schrecklichen Ereignisse, derer wir gedenken, erlegen uns auch eine große Verpflichtung auf. Die Verpflichtung nämlich, alles in unserer Macht Stehende zu tun, dass nicht in Vergessenheit gerät, was nie hätte geschehen dürfen“. Anlässlich seines Staatsbesuchs wurde der Deutsch-Griechische Zukunftsfonds ins Leben gerufen.

Der Zweite Weltkrieg ist die wohl mit Abstand wichtigste Zäsur im vergangenen Jahrhundert. Die hierdurch verursachten Traumata und einschneidenden Verlusterfahrungen prägten das Leben und Bewusstsein von Millionen Menschen, definierten die Grenzen der Welt neu und lösten tiefgreifende Veränderungen in Verhaltensweisen und Einstellungen aus.

Auf die Grußworte und Einführungsreden folgten am ersten Konferenztag die Beiträge der HistorikerInnen bzw. ProjektmitarbeiterInnen, in denen sie die Ergebnisse ihrer jeweiligen Forschungen im Kontext des Archivs oder der von ihnen geführten Interviews präsentierten. Die Vorträge deckten eine große Bandbreite an Themen ab, darunter die individuellen und kollektiven Erfahrungen griechischer KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter (Iason Chandrinos, Giorgos Klapakis), das Bild der deutschen Soldaten in griechischen Zeitzeugnissen (Valentin Schneider), die Bedeutung der „Synergie“ zwischen Regisseur und Historiker bei der Interviewführung (Antonis Antoniou, Christos Solomos), Identitätsproblematiken nach dem Holocaust in den Zeitzeugnissen der griechischen Juden (Ersi Malagiorgi) sowie die Verflechtung von Trauma und materieller Not in den Lebensdarstellungen von Frauen, welche die Verwüstung ihrer Heimatorte durch die Deutschen überlebt hatten (Anna Maria Droumpouki).

Agiatis Benardou stellte anschließend die sich rasant entwickelnde digitale Infrastruktur für den akademischen Bereich in Griechenland vor. In wissenschaftlicher Betrachtung wurden unterschiedliche und weitgehend unerforschte Themen erörtert. Hierbei wurden deutsch-griechische Forschungsdesiderate angesprochen oder auf laufende Forschungsprojekte Bezug genommen, die Interviews aus dem Zeitzeugenarchiv als Quellenmaterial verwenden, wie z.B. die “Database of German military and paramilitary units in Greece 1941-1944/45“ (Dr. Valentin Schneider, INSTITUTE OF HISTORICAL RESEARCH / NHRF, Athen, Griechenland) und das Habilitationsprojekt „Haft, Zwangsarbeit und Arbeitsmigration: Griechen im Dritten Reich 1939-1945“ (Dr. Iason Chandrinos, DFG, Universität Regensburg).

Im zweiten Vortragsblock wurden die Herausforderungen der Übersetzungsarbeit im Rahmen des Projekts (Doris Wille) sowie die Schwierigkeiten bei der Erstellung der Datenbank (und des anschließenden Namens- und Organisationsregisters / „Thesaurus“) wie auch bei der Erschließung von Metadaten (Anna Maria Droumpouki, Damian Thönges) erörtert. Abgerundet wurde der erste Konferenztag durch eine von Projektleiter Nicolas Apostolopoulos moderierte Gesprächsrunde. In ihr ließen Anna Maria Droumpouki, Ersi Malagiorgi, Antonis Antoniou, Giorgos Klapakis und Iason Chandrinos die Zuhörerschaft an ihren persönlichen Erfahrungen aus den verschiedenen Phasen der Projektarbeit teilhaben. Zugleich stellten sie ihre Vorstellungen zur pädagogischen Anwendung zur Diskussion.

Am zweiten Konferenztag kamen in mehreren Forumsdebatten eine Reihe griechischer Wissenschaftler, darunter Historiker und Anthropologen unterschiedlicher Universitäten (u.a. Universität von Thessalien, Demokritus Universität von Thrakien) zu Wort. In ihren Einführungsvorträgen verwiesen Dimitra Lampropoulou und Vaggelis Karamanolakis auf digitale Ansätze in der Geschichtswissenschaft und auf die neuen Herausforderungen und Problematiken, die sich im Zuge der Entwicklung auf diesem Gebiet ergeben. In den drei Podiumsdiskussionen wurden umfassende Fragestellungen zur Geschichtsschreibung und Erinnerungskultur in den 1940er Jahren diskutiert. Riki van Boeschoten, Vasilis Dalkavoukis und Pothiti Hantzaroula fassten die Fortschritte der griechischen Historiographie bei der Dokumentation, Überlieferung und Bewertung mündlicher Lebenserzählungen in den letzten Jahrzehnten zusammen. Despoina Valatsou, Ioulia Pentazou, Katerina Gardika und Ilias Stouraitis diskutierten die Kontroverse um die Verwendung mündlicher Quellen, dazu die gesetzlichen bzw. ethischen Regelungen im Rahmen von Oral-History-Archiven. Christos Varvantakis, Mitsos Bilalis, Kostis Karpozilos und Irakleitos Sougioultzoglou stellten mehrere Beispiele aus den Forschungsfeldern Zeitzeugnis, Erinnerung und Geschichte im digitalen Zeitalter vor. Alle ReferentInnen betonten die Herausforderungen des neuen digitalen Archivformats für Sammlungsbestände von Oral History, gerade weil die rasante Entwicklung dieser Überlieferungsform eine Reihe nicht zu unterschätzender Probleme mit sich bringt, etwa Fragen nach den Nutzungsbedingungen, der Archivierung der Materialien (Digitalisierung analoger Audiodateien usw.), der Verfügbarkeit und den Zugriffsmöglichkeiten sowie datenschutzrechtlichen Problematiken.

Aus den Podiumsdiskussionen des zweiten Konferenztages wurde dennoch ersichtlich, dass digitale Medien ungeahnte Möglichkeiten für die umfangreiche Nutzbarmachung mündlicher Quellen bieten, etwa weil diese so einem viel breiteren Spektrum an Nutzern zugänglich gemacht werden können.

Nicht zuletzt durch die starke Zunahme von Oral-History-Gruppen in Griechenland, waren sich alle TeilnehmerInnen einig, dass diese Überlieferungsform als integraler Bestandteil rasch in unterschiedliche Bildungsbereiche Eingang finden sollte.

Um mit der wachsenden Popularität des Dokumentationsformats Interview mithalten zu können, sei – so die einhellige Auffassung aller Beteiligter - eine parallele Entwicklung von Forschungsmethoden bzw. Forschungsumgebungen dringend notwendig. Einvernehmen bestand schließlich auch in der Bewertung, dass sich Oral History in Griechenland mittlerweile als interdisziplinäre Methode zur Rekonstruktion von Vergangenheit fest etabliert habe.