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Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland

04.10.2019: Tagung im Ministerium für Bildung, Forschung und Religionen in Athen

Am 4. Oktober 2019 fand im Ministerium für Bildung, Forschung und Religionen unter der Ägide des Generalsekretariats für Berufliche Aus- und Weiterbildung sowie Lebenslanges Lernen eine Tagung zum Thema Das digitale Zeitzeugenarchiv „Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland“ im deutsch-griechischen Jugendaustausch statt. Im Rahmen der Veranstaltung wurde das Projekt „Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland“ der Freien Universität Berlin in Kooperation mit der Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen sowie das im Zuge dessen entstandene gleichnamige, digitale Zeitzeugenarchiv Akteuren des deutsch-griechischen Jugendaustausches und der außerschulischen Bildung vorgestellt. Außerdem wurde die digitale Lernplattform präsentiert, die auf dem Archivmaterial basiert und aktuell erstellt wird. Ziel der Tagung war es, die Nutzungsmöglichkeiten des Archivs und des Bildungsmaterials zu diskutieren sowie diesbezügliche Herausforderungen bei Anwendung und Entwicklung des Archivmaterials zu identifizieren.

Die Veranstaltung wurde durch den stellvertretenden Minister für Bildung, Forschung und Religionen Vasilis Digalakis eröffnet. In seinem Grußwort beschrieb Digalakis das Oral-History-Archiv über die Zeit der deutschen Okkupation in Griechenland als wichtiges Werkzeug für die Bewahrung der Zeitzeugenerinnerungen. Zugleich verankere das Archiv überlieferte Traumata und Narrative im kollektiven Gedächtnis. Geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung leidvoller Erfahrungen, gerade auch mit Hilfe digital aufbereiteter Bildungsangebote, bringe Völker einander näher, schließe Erinnerungslücken und verringere die Gefahr von Missverständnissen.

Im Anschluss unterstrich der deutsche Botschafter in Griechenland Ernst Reichel während seiner Begrüßungsrede die Bedeutung einer wissenschaftlichen, fundierten Bewahrung von Zeitzeugnissen und ihrer Übermittlung an die jüngere Generation. Dies sei um so bedeutender in einer Zeit, in der Menschlichkeit, Solidarität und humanistische Werte oftmals in Frage stünden. Außerdem zeigte er sich erfreut über die Unterzeichnung des Gründungsabkommens für das Deutsch-Griechische Jugendwerk, das mit dem Oral-History-Archiv einen wertvollen Zugang zu historischem Wissen erhalte.

Georgios Voutsinos, Generalsekretär für Berufliche Aus- und Weiterbildung sowie Lebenslanges Lernen, unterstrich in seinem Grußwort die Wichtigkeit des Dialoges zwischen Deutschland und Griechenland. Dieser müsse vorurteilsfrei gegenüber anderen Lebens- und Denkweisen geführt werden und dabei sowohl auf Erinnerungskultur als auch auf Geschichtswissenschaft Bezug nehmen. Voutsinos versicherte zugleich, dass sich sein Generalsekretariat einer Intensivierung der Beziehungen zwischen beiden Ländern hin zur Versöhnung und einem besseren gegenseitigen Verständnis zwischen den jungen Generationen verpflichtet sehe. Dazu gehöre selbstverständlich die Nutzung der Zeitzeugnisse aus dem Archiv „Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland“.

Eleni Agouridi äußerte sich als Vertreterin der Stavros Niarchos Stiftung erfreut über die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den am Projekt beteiligten Institutionen. Sie verwies in diesem Kontext auf die erzielten Ergebnisse und die Aussicht auf eine breite Nutzung im Bildungsbereich.

Der griechische Staatspräsident a. D. Karolos Papoulias hatte sein Grußwort schriftlich an die Versammlung gerichtet. Darin nahm er Bezug auf die schmerzhafte Besatzungszeit, die von Armut, Unterdrückung und Elend geprägt gewesen sei. Zugleich äußerte er sich überzeugt, dass die für das Archiv „Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland“ entfaltete Öffentlichkeitsarbeit das europäische Bekenntnis „Nie wieder Faschismus!“ wirkungsvoll unterstützen möge.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projekts Anna Maria Droumpouki stellte im Anschluss die Methodik der audiovisuellen Aufzeichnung und wissenschaftlichen Aufbereitung der Zeitzeugnisse dar und präsentierte die Funktionalitäten und Nutzungsmöglichkeiten des Archivs sowie die Projektwebseite.Nicolas Apostolopoulos, Leiter des Projekts „Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland“ und Professor an der Freien Universität Berlin, setzte die Tagung fort, indem er die Herausforderungen beschrieb, die sowohl zu Beginn als auch während der Umsetzung des Projekts auftraten. Die Bewältigung eines außergewöhnlichen Umfangs an Aufgaben und einer Fülle daran sich anschließender Einzelmaßnahmen war Voraussetzung, so betonte Prof. Apostolopoulos, dass ein erfolgreicher Projektabschluss überhaupt möglich geworden sei.

Abschließend gab Prof. Apostolopoulos einen Überblick über die Lernplattformen, die unter seiner Leitung am Center für Digitale Systeme der Freien Universität Berlin erstellt wurden und informierte über die allgemeinen Leitlinien des Projekts zur Erstellung von Bildungsmaterial für deutsche und griechische Schulen. Dabei ging er auf inhaltliche Schwerpunkte ein, die über die Lernplattform angeboten werden sollen, darunter Themen wie Kindheit während der Besatzung, Judenverfolgung, Konzentrationslager, Widerstand, Vergeltung, Kollaboration, Besatzungsalltag und Entschädigungen.

Ergänzend dazu erläuterten die Projektmitarbeiterinnen Archontia Mantzaridou und Ioanna Dekatri die Auswahlmethodik und Nutzbarmachung des Archivmaterials für die Erstellung des Bildungsmaterials. Dabei gingen sie insbesondere auf die Schwerpunkte Kindheit während der Besatzung und Konzentrationslager ein.

Im Anschluss stellte Anastasia Protopsalti, Mitarbeiterin im Ministerium für Bildung, Forschung und Religionen, Initiativen vor, die unter Mitwirkung des Generalsekretariats für Berufliche Aus- und Weiterbildung sowie Lebenslanges Lernen im Rahmen des Deutsch-Griechischen Jugendwerks realisiert wurden und noch fortgesetzt werden. Sie verwies dabei auf die positiven Auswirkungen im Austausch der jungen Generationen beider Länder wie auch für die deutsch-griechischen Beziehungen im Allgemeinen.

Der Mittagspause folgte ein Dialog und Gedankenaustausch unter den Anwesenden zu Nutzungsmöglichkeiten des Archivmaterials im Rahmen von Jugendbegegnungen sowie Fortbildungsangeboten für JugendarbeiterInnen. Gleichzeitig wurden die Methodik bei Aktivitäten im Bereich politischer Bildung für Jugendliche hinterfragt und die in diesem Zusammenhang auftretenden Herausforderungen bei der Anwendung und Weiterentwicklung des Archivs diskutiert. An der Diskussion nahmen WissenschaftlerInnen und RepräsentantInnen von Institutionen der außerschulischen Bildung in Griechenland teil, darunter des Jüdischen Museums in Griechenland, der Stiftung des Hellenischen Parlaments, des Niederländischen Instituts Athen, der Jüdischen Gemeinde Athens, des Museums des Holocausts der Stadt Kalavryta, ebenso MitarbeiterInnen von Vision Network Athens, Connect Athens, VertreterInnen des Vereins Filoxenia e. V., des Vereins Lechovo, des Interorthodoxen Zentrums der griechischen Kirche, des Vereins Wilde Rose e. V., sowie KünstlerInnen, PädagogInnen und Lehrkräfte, so z.B. von der Deutschen Schule Athen und der Nea Genia Ziridi.

Im Fokus der Diskussion standen die Anwendungsarten, die Angemessenheit und die Nutzungsmethoden des Interviewmaterials unter Berücksichtigung des Alters der Teilnehmenden sowie der jeweiligen Aktivität. Gleichzeitig wurde die Ausweitung der Archivnutzung auf Bildungsprogramme an Schulen, Erinnerungsveranstaltungen sowie Forschungszentren empfohlen und unterschiedliche Anwendungsformen im Rahmen weiterbildender Maßnahmen diskutiert.

Die Auswahl passender Interviewausschnitte bei Beachtung aktueller pädagogischer Prinzipien, wie der Verzicht auf bildliche Darstellung von Gewalt sowie Recherchemöglichkeiten innerhalb geprüfter Inhalte, wurden in der Diskussion positiv angenommen. Die digitalen Möglichkeiten des Archivs und der Bildungsplattform können bei außerschulischen Bildungsaktivitäten zum Thema deutsche Besatzung von Vorteil sein. Außerdem besteht die Möglichkeit der Integrierung in bereits bestehende Anwendungen. Eine gute Vorbereitung außerschulischer Bildungsaktivitäten ist somit von großer Bedeutung.

Parallel zur Vorbereitung und Bereitstellung des passenden Materials für Jugendaktivitäten ist eine Fortbildung der zukünftigen NutzerInnen sehr wichtig. Sowohl die digitalen Möglichkeiten der Anwendung sowie die Nutzung digitaler Zeitzeugeninterviews und deren Eingliederung in die jeweiligen Projektkonzepte, machen eine Aus- und Fortbildung der entsprechenden JugendarbeiterInnen und MultiplikatorInnen notwendig. Ebenfalls wünschenswert wäre eine Anwendungshilfe, die den NutzerInnen bei der Auswahl des Materials schnell Orientierung bieten könnte. Dem könnten Best practice-Beispiele hinzugefügt werden.

Abschließend wurde sowohl von den Veranstaltern und Trägern wie auch von den Teilnehmenden der Wunsch nach einer weitergehenden Nutzbarmachung und Verbreitung des Archivmaterials in der schulischen als auch außerschulischen Bildung geäußert. Dies umfasst Bildungsangebote, die sich an alle Altersgruppen richten. Die lebhafte Beteiligung an den Debatten sowie die dabei eingebrachten wertvollen Vorschläge und Ideen machten die Veranstaltung zu einem großen Erfolg. Mehrfach wurde ein Interesse an vergleichbaren Veranstaltungen in anderen Städten Griechenlands geäußert.