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Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland

Projektbeschreibung

Effi Papatheodorou, Tochter eines Widerstandskämpfers und heute eine der bekanntesten Schauspielerinnen Griechenlands

Effi Papatheodorou, Tochter eines Widerstandskämpfers und heute eine der bekanntesten Schauspielerinnen Griechenlands

Das Projekt "Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland" wird durchgeführt am Center für Digitale Systeme (CeDiS) der Freien Universität Berlin. 

Bereits seit 2006 gehört die intensive Beschäftigung mit digitalen Zeitzeugenarchiven und Interviewsammlungen für verschiedenste Nutzungsszenarien, z.B. in Schulen sowie zur wissenschaftlichen Auswertung in der Universitätslehre, zu den Schwerpunkten von CeDiS. Aktuell werden vom CeDiS das Visual History Archive des USC Shoah Foundation Institute for Visual History and Education, das Archiv „Refugee Voices” der Association of Jewish Refugees und das Archiv „Zwangsarbeit 1939-1945. Erinnerungen und Geschichte“ bereitgestellt. Für das letztere wurde bereits eine Online-Lernumgebung geschaffen, die Schüler/-innen ab 14 Jahren die Möglichkeit bietet, sich anhand von sieben Zeitzeugenberichten mit der Zwangsarbeit während der NS-Zeit auseinanderzusetzen.

Ausschlaggebend für die Idee, ein neues Zeitzeugenarchiv über die Zeit des nationalsozialistischen Schreckens in Griechenland aufzubauen, war die Begegnung von Herrn Nicolas Apostolopoulos, einem griechischen Professor in Deutschland, mit Herrn Hagen Fleischer, einem deutschen Professor an der Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen, der als einer der wichtigsten Experten der Erforschung der deutschen Okkupation in Griechenland gilt. Hagen Fleischer besuchte mit seiner Studierendengruppe im Jahr 2010 das Center für Digitale Systeme, um mit dem Shoah-Archiv zu arbeiten. Dabei wuchs die Erkenntnis, dass eine ähnliche Initiative mit griechischen Zeitzeugeninterviews in Griechenland auf fruchtbaren wissenschaftlichen Boden stoßen könnte. In der Erinnerungskultur Griechenlands ist die deutsche Okkupation überaus präsent, im Detail jedoch wenig bekannt. Das Forschungsinteresse für diese Geschichtsperiode war und ist groß. Die Möglichkeiten einer mündlichen Überlieferung von lebenden Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs schwinden jedoch von Tag zu Tag. Diese Tatsache erhöhte die Dringlichkeit und die Bedeutung für das Zustandekommen des Projekts.

Das Vorhaben wird finanziell getragen vom Deutsch-Griechischen Zukunftsfonds des Auswärtigen Amtes, der Stavros Niarchos Stiftung und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ). Außerdem kooperiert das Projekt mit der Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen. 

Das binationale, interdisziplinäre Projektteam setzte sich aus ausgebildeten Oral-Historians zusammen, die die Zusammenstellung der Zeitzeugenliste, die Aufnahme der Interviews und die wissenschaftliche Erschließung derselben durchführten, Sprachwissenschaftler/-innen, die die Interviews transkribierten und inhaltlich in zusammenhängende Abschnitte segmentierten, sowie Übersetzer/-innen, die die griechischen Transkripte sowie alle Metadaten ins Deutsche übertrugen. An der Erstellung der digitalen Bildungsplattform waren außerdem GeschichtsdidaktikerInnen beteiligt, die neben der Konzeption der Lehreinheiten auch an der Produktion eines Hintergrundfilmes und eines Leitfadens für Lehrkräfte mitwirkten. 

Das Archiv "Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland"

Seit April 2018 ist das digitale Zeitzeugenarchiv "Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland" online zugänglich. Das Archiv umfasst 93 lebensgeschichtliche Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die von ihrem Leben vor, während und nach der deutschen Besatzung Griechenlands berichten. 

Unter den Zeitzeugen finden sich unter anderem Überlebende des Holocaust, WiderstandskämpferInnen, Überlebende der Massaker an der Zivilbevölkerung und ehemalige ZwangsarbeiterInnen in deutschen Konzentrationslagern. Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen berichten von der Besatzungszeit, aber auch ihrem Leben nach 1945, ihren Familien und ihrer beruflichen Laufbahn. Die unterschiedlichen Besatzungserfahrungen bilden jedoch den Schwerpunkt ihrer Erzählungen. Die Interviews wurden in verschiedenen Regionen Griechenlands geführt, einige aber auch in Israel und Berlin.

Die Interviews wurden aufgenommen, transkribiert und ins Deutsche übersetzt. Das Archivmaterial wurde anschließend wissenschaftlich erschlossen, mit Schlagwörtern, Kurzbiographien, Interviewprotokollen und historischen Hintergrundinformationen versehen. Ein wichtiger Bestandteil des Archivs ist zudem der alphabetische Thesaurus, der mehr als 3000 Einträge umfasst. 

Das digitale Archiv verfügt über eine moderne und modulare Softwarearchitektur, die durch mehrjährige Entwicklung im Rahmen der Forschungsarbeiten am Center für Digitale Systeme der FU entwickelt und nun für das neue Vorhaben überarbeitet wurde.

Am 2. Februar 2017 wurde das Projekt in Athen der Öffentlichkeit präsentiert. Gemeinsam mit der Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen konnten bereits erste Ergebnisse vorgestellt werden und anschließend ein Podiumsgespräch mit zwei Zeitzeuginnen des Archivs stattfinden.

Am 23. April 2018 wurde in der Topographie des Terrors in Berlin das fertiggestellte Archiv unter Anwesenheit von Vertretern der Förderer, aus Wissenschaft, Politik und Zeitgeschehen sowie aus dem Umfeld der deutsch-griechischen Beziehungen der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Veranstaltung wurde auch in deutschsprachigen Medien thematisiert.

Schließlich fand am 11. und 12. Oktober 2019 in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichte und Archäologie der Nationalen und Kapodistrias-Universität Athen eine wissenschaftliche Konferenz zum Thema Erinnerung, Zeitzeugnis und digitale Ansätze in der Geschichtswissenschaft: Das Archiv "Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland" statt. Die Veranstaltung deckte eine breites Themenspektrum ab, welches von historiographischen Retrospektiven bis hin zu laufenden Dissertations- und Habilitationsprojekten und deren Verknüpfung mit dem Zeitzeugenarchiv reichte.

Aktuell sind über 1000 Nutzer im Archiv registriert, darunter HistorikerInnen, JournalistInnen, Studierende, SchülerInnen, LehrerInnen und Professoren, KünstlerInnen und weitere Nutzer mit einem genealogischen oder generellen Interesse an der Geschichte der deutschen Besatzung Griechenlands. Großes Interesse erfährt das Archiv auch von Institutionen aus den Bereichen Erinnerungskulturen, Oral History, Gedenkstätten, Jugendaustausch und weiteren Bildungsprojekten.

Die Bildungsplattform "Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland"

Die nachhaltige Nutzung des Archivs war von Anfang an eine der zentralen Ziele und Herausforderungen des Projekts. Dazu sollte eine digitale Lernumgebung erschaffen werden, in der Schüler griechischer und deutscher Schulen mit Hilfe des digitalen Archivmaterials und insbesondere der Zeitzeugeninterviews sich mit der jüngeren deutsch-griechischen Geschichte auseinandersetzen können. Durch eine weitere zweijährige Förderung durch das Auswärtige Amt und der Stavros Niarchos Stiftung konnte dies im Rahmen der Projektphase "Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland – Bildungsplattform“ realisiert werden.

Die Bildungsplattform wurde sowohl in griechischer als auch in deutscher Sprache mit entsprechender Berücksichtigung der Besonderheiten des jeweiligen Bildungssystems erstellt. Dabei wurde auch die Verbreitung und Integration der Bildungsplattform in das Bildungssystem des jeweiligen Landes durch Veranstaltungen, Fortbildungen und Workshops für Schüler und Studenten angestrebt.

Die griechischsprachige Bildungsplattform umfasst die Lerneinheiten "Kindheit", "Konzentrationslager", "Alltag", "Widerstand", "Vergeltung und Massenhinrichtungen" und "Holocaust/Shoah". Die deutsche Bildungsplattform umfasst jeweils die Module "Kindheit", "Konzentrationslager", "Widerstand", "Hungersnot", "Kriegsverbrechen" und "Holocaust / Shoah".

Schwerpunkt der Lerneinheiten bilden die Ausschnitte ausgewählter Zeitzeugeninterviews aus dem Archiv, die mit Kurzbiografien der ZeitzeugInnen, Aufgabenstellungen für Schüler und didaktische Kommentare für Lehrer ergänzt wurden. Die Aufgaben zu jeder Lerneinheit werden von umfangreichem Zusatzmaterialien begleitet, wie z.B. Texte, Zeitungsausschnitte, Fotos, Videos, historische Dokumente und Karten. Insgesamt wurden Ausschnitte aus siebzehn Zeitzeugeninterviews ausgewählt, begleitet von knapp tausend Zusatzmaterialien.

Ein weiterer Bestandteil der Bildungsplattform ist der Hintergrundfilm. Dieser soll Lehrern und Schülern eine historische Kontextualisierung der sechs in der Plattform enthaltenen Lerneinheiten vermitteln, ist jedoch auch unabhängig vom Lehrmaterial als historischer Dokumentarfilm eine hilfreiche Quelle, um sich über die Geschichte der deutschen Besatzung zu informieren.

Ein Leitfaden für Lehrkräfte, der bislang nur in griechischer Sprache verfügbar ist, unterstützt bei der Nutzung des Archivs- und Bildungsmaterials in verschiedenen Bildungskontexten.

Die Plattform und der Hintergrundfilm wurden seit November 2020 auf mehreren Online-Veranstaltungen präsentiert. 

„Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland“ in der politischen Bildung

Zeitgleich mit der Entwicklung der Bildungsplattform wuchs das Interesse an der Nutzung des Archivmaterials in der außerschulischen Bildung und insbesondere im Bereich des deutsch-griechischen Jugendaustausches. Vor diesem Hintergrund wurde am 8. und 9. April 2019 an der Freien Universität Berlin ein zweitägiger Workshop zum Thema "Das digitale Interviewarchiv ‚Erinnerungen an die Okkupation in Griechenland‘ im deutsch-griechischen Jugendaustausch" organisiert. An der zweitägigen Konferenz nahmen Institutionen aus dem Bereich der Jugend- und Erwachsenenbildung in Deutschland und Griechenland sowie LehrerInnen an deutschen Schulen teil.

Am 4. Oktober 2019 fand eine ähnliche Veranstaltung im griechischen Ministerium für Bildung und religiöse Angelegenheiten statt. An dieser nahmen Vertreter aus der griechischen Bildungspolitik, von den Projektförderern sowie von Institutionen der formalen, non-formalen und informellen Bildung teil. Dabei wurde von vielen Seiten der Wunsch für eine intensivierte Nutzung und Verbreitung des Archivmaterials in verschiedenen Bildungskontexten geäußert, die sich sowohl an jüngere als auch ältere Menschen richten. Im Zuge der anschließenden Diskussion mit den Teilnehmern wurden substanzielle Ideen hervorgebracht und das Interesse an vergleichbaren Veranstaltungen in weiteren griechischen Städten bekundet.

Im Rahmen des Projekts wird aktuell Material für die politische Bildung erstellt, während zeitgleich die Aktivitäten zur Verbreitung des Bildungsmaterials in Griechenland und Deutschland fortgesetzt werden. 2021 wird dieses zur Genehmigung beim Institut für Bildungspolitik (IEP) des griechischen Ministeriums für Bildung und religiöse Angelegenheiten eingereicht und weitere Seminare und Schulungen durchgeführt.

Mit der langfristigen Nutzung des Archivmaterials wollen die Projektverantwortlichen einen Beitrag zur historischen Forschung leisten und die Zeit der deutschen Besatzung in Griechenland verstärkt in das allgemeine Bewusstsein rücken. Wir sind überzeugt, dass im Rahmen von Jugendbegegnungen die Auseinandersetzung mit den Lebensgeschichten der Zeitzeugen die Entwicklung eines gemeinsamen historischen Gedächtnisses und Geschichtsverständnisses fördern kann. Durch die Nutzung des Archivs bei gemeinsamen Veranstaltungen, Gedenkstättenbesuchen und kulturellen Aktivitäten werden Vorurteile und Missverständnisse abgebaut und für heutige und zukünftige Generationen die Grundlagen für einen Dialog und für ein europäisches Miteinander geschaffen.  


Fragen beantworten wir Ihnen gerne unter info@occupation-memories.org.

Letzte Aktualisierung: 31.05.2021